Seit fast zwei Jahren ist die Gewandmeisterin Anja Becker-Geipel Schulleiterin und Dozentin bei der Werkakademie Leipzig. Wir sprachen im Interview mit ihr über die Ausbildung zum Bühnen- und Kostümschneider.

Frau Becker-Geipel, was genau lernen die Schüler im Rahmen der Ausbildung?

Die Grundlage für die Ausbildung zum Bühnen-und Kostümschneider ist der Rahmenlehrplan für Maßschneider, da unsere Schüler nach drei Jahren ihre Prüfung als Geselle vor der Handwerksammer Leipzig ablegen.

Wir haben zwei Spezialisierungsrichtungen mit verschiedenen Inhalten (Mode-& Textildesign inkl. Maßschneider/Bühnen-& Kostümschneider inkl. Maßschneider). Die Klassen werden ca. vier Wochen im Jahr getrennt unterrichtet.

Neben handwerklichen Grundlagen, wie die Anfertigung von Korsetten und Unterbauten, werden die Schüler in zeichnerischen Grundlagen, experimenteller Technik, Ausstattungsplanung und anderen theaterrelevanten Fächern unterrichtet, um sie auf einen Job am Theater vorzubereiten.

Die Schüler absolvieren ungefähr zehn Wochen Praktikum im Jahr. Einen gewissen Teil dieser Zeit werden sie von mir unterrichtet. Wir fertigen historische Kostüme verschiedener Epochen an. Dabei erlernen sie eine Vielzahl von Verarbeitungstechniken und die Besonderheiten von historischen Schnitten.

Welche aktuellen Projekte bearbeiten die Auszubildenden im Rahmen Ihres Unterrichts?

Derzeit stellen wir eine Art Zeitstrahl her, der die zeitliche Entwicklung in der Kostümkunde verdeutlichen soll. Dieser erstreckt sich über einen Zeitraum von fast 500 Jahren. Die frühesten Kostüme stammen aus der Renaissance, gefolgt von Modellen aus der spanischen Mode, Rokoko, Gründerzeit und Jahrhundertwende. Für jede Epoche fertigen wir ein Kostüm an. Dazu gehören neben den Kleidern auch Unterwäsche, Unterbauten und Korsette, die die Auszubildenden unter meiner Leitung im Rahmen der Komplexarbeit anfertigen.

Unser Fokus liegt bei den Kostümen auf der Silhouette, daher sind sie einfarbig hell gehalten und aus einfachen Materialien gefertigt, um deren Aufbau zu verdeutlichen.

Unser Highlight ist auch in diesem Jahr die Ausstellung unserer Kostüme im Grassimuseum zum WGT. Am Pfingstwochenende präsentieren dort die Schüler der Werkakademie ihre Werke. Diese Ausstellung erfreut sich einer großen Nachfrage.

Wo finden Sie Ideen und Anregungen für Ihre Arbeit?

Inspirierend finde ich Werkstätten in England und Frankreich, die ich zum Teil selbst besucht habe. In Frankreich habe ich beispielsweise ein Semester lang in einer Kostümwerkstatt, dem „Atelier du Costume“ (leider mittlerweile geschlossen), gearbeitet. Dort wurden Kostüme auf sehr hohem Niveau verarbeitet, das hat mich sehr beeindruckt. Theater, Handwerk und Film waren nicht wie in Deutschland getrennt. Es gab nur eine Werkstatt, die alles angefertigt hat. Sie haben für Yves Saint Laurent gestickt, für Theaterproduktionen historische Wämser genäht und gleichzeitig einen Film mit Gerard Depardieu ausgestattet. Alles war übergreifend. Das hat mich sehr fasziniert, gerade wegen der Leidenschaft für das, was sie tun.

So etwas Ähnliches gibt es auch in London in der Kostümwerkstatt „Sands“. Ein Besuch dort ist wie eine Zeitreise. Ich versuche die Schüler zu sensibilisieren, dass es ganz wichtig ist, über den Tellerrand zu schauen. Ein Praktikum in solch einem Atelier vermittelt handwerkliche Fähigkeiten, die in Deutschland oft nicht mehr bekannt sind.

Kommen wir zur Ausbildung an der Werkakademie. Welche Vorteile hat die Ausbildung Ihrer Meinung nach gegenüber jener an anderen Schulen?

Theorie und Praxis sind an der Werkakademie vernetzt. Dadurch können wir theoretische Inhalte zum Beispiel aus der Schnitttechnik direkt im fach-praktischen Unterricht bei Projekten einsetzen. Die Schüler lernen das selbstständige Arbeiten durch gegenseitige Anfertigungen und Teamarbeit. Auch vermitteln wir mehr Schnitttechnik als in normalen Ausbildungen. Hinzu kommt der große gestalterische und kreative Input durch die Dozenten aus unterschiedlichen Bereichen. Wir haben an der Werkakademie Dozenten aus dem Designbereich und der Fachpraxis, die unterschiedliche Stil- und Designeinflüsse mitbringen.

Welche Voraussetzungen müssen Schüler für die Ausbildung zum Bühnen- und Kostümschneider mitbringen?

Sie brauchen in erster Linie Geschick. Am liebsten ist uns natürlich jemand, der vorher schon genäht hat, der sich gerne mit seinen Händen beschäftigt. Was unsere Schüler im hohen Maße brauchen, ist Eigendisziplin und Durchhaltevermögen. Das analytische Denken braucht man genauso wie das strukturierte Herangehen an Arbeitsabläufe und räumliches Vorstellungsvermögen. Das Wichtigste von allem ist aber Geduld, Geduld, Geduld, wenn etwas zum fünften Mal aufgetrennt werden muss…

Ausbildung zum Bühnen- und Kostümschneider inkl. Maßschneider bei der Werkakademie Leipzig

Die Werkakademie Leipzig bietet die Ausbildung zum Bühnen-und Kostümschneider inklusive Maßschneider an. Sie dauert 3,5 Jahre. Die Kosten für die Ausbildung belaufen sich auf derzeit 450,- € pro Monat, zzgl. einmalig 200,- € Grundausstattung, zzgl. einmalig 60,- € für Pflichtliteratur. Förderungen durch BAföG und Bildungskredit bestehen auf Antrag bei der zuständigen Behörde.

Interessierte wenden sich bei Fragen an das Account Management der Sächsischen Lehmbaugruppe unter der Rufnummer +49 (0)341 414 59333 oder per E-Mail an: info@lehmbaugruppe.de. Mehr Informationen erhalten Sie auf unserer Homepage der Werkakademie Leipzig. Hier können Sie sich direkt online für die Ausbildung bewerben.