Seit fast vier Jahren ist Dr. Gerd Reich organisatorischer und künstlerischer Leiter der Werkakademie Leipzig. Er koordiniert die verschiedenen Ausbildungsgewerke und lehrt die theoretischen Fächer Kunstgeschichte/Stilkunde. Ebenso vermittelt er in den Fächern Gestaltung und künstlerisches Zeichnen das künstlerische Grundhandwerk. Wir sprachen im Interview mit ihm über die Ausbildung an der Akademie.

Dr. Gerd Reich, Leiter der Werkakademie Leipzig
Dr. Gerd Reich, Leiter der Werkakademie Leipzig

Herr Dr. Reich, welche Vorteile bietet die Ausbildung an der Werkakademie Leipzig Ihrer Meinung nach gegenüber jener an anderen Schulen oder Einrichtungen?

Erstens: „Effizienz“:

Die laut Rahmenlehrplänen zu unterrichtenden Fächer (fachtheoretische, fachpraktische sowie allgemeinbildende Fächer) werden hier in einer Einrichtung angeboten, dabei ist der Freitag den allgemeinbildenden Fächern – wie z.B. Wirtschaftskunde, Deutsch etc. -vorbehalten.

Zweitens:  „learning by doing“:

Wir versuchen mit allen drei Lehrjahren und in Synergie aller Gewerke unserer Akademie den bekannten Ausspruch mit Leben zu erfüllen. Das heißt, nicht nur intellektuell- handwerklich- künstlerische, sondern auch soziale Kompetenzen stehen im Mittelpunkt unserer Ausbildung. Wir sind ein Team von Fachdozenten, die über ihre Aufgabe in der Werkakademie hinaus in namhaften Ateliers und Theatern arbeiten und hier wie dort ihre Professionalität immer wieder unter Beweis stellen.

Drittens:  „Konzentration auf das Wesentliche“

Im Unterschied zum dualen System, wo die allgemeinbildenden Fächer ausgelagert sind, nutzen wir in der Werkakademie einen speziell auf unsere Ausbildung zugeschnittenen Blockunterricht, in dem theoretische Ausbildung, praktische Fertigkeiten und die allgemeinbildenden Fächer, wie oben schon erwähnt, konzentriert angeboten werden. Unsere Auszubildenden können sich so mit den Dozentinnen und Dozenten auf die Erfüllung der Rahmenlehrpläne der IHK und HWK fokussieren und verlieren keine Zeit mit unnötigen Transfers.

Welche Voraussetzungen müssen Schüler für die verschiedenen Berufe an der Werkakademie Leipzig mitbringen, welche Talente, Eigenschaften besitzen?

Eine 1. Voraussetzung ist der Drang zum Wollen!

Das Können muss geübt und immer wieder geübt werden. Der Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist immer noch zeitgemäß. Eine Einstellung „ich komme hierher, nun bietet mir mal was für mein Schulgeld“, wird so nicht funktionieren.

Eine 2. Voraussetzung ist ein individuelles selbstständiges Arbeiten!

Ich benutze den Satz gerne: „Wo 3 Künstler zusammenstehen, gibt es immer 4 Meinungen“. Das soll heißen, dass jeder Auszubildende seinen künstlerisch- handwerklichen Weg gehen muss, und das bereits während der Ausbildung. Frustration entsteht meines Erachtens in dem Moment, wo man an seine eigenen handwerklich- künstlerischen Grenzen gerät und nicht bereit sein will, sich das zuzugestehen. Solche Situationen zu überwinden, ist in unseren Berufen ein lebenslanger Prozess, wenn man erfolgreich sein will. So ist jede Prüfung ein Momentzustand und für erfolgsgewohnte Schüler/ -innen aus der Schule meist schwer nachvollziehbar, zumal die meisten Einschätzungen hier nicht nur nach Punktesystem messbar sind.

Eine 3. Voraussetzung ist ein künstlerisch- ästhetisches Feingespür!

Ich möchte nicht das etwas überstrapazierte Wort Talent benutzen, sondern lieber von Fähigkeiten sprechen. Das heißt, habe ich mein Handeln darauf ausgerichtet, einen handwerklich- künstlerischen Arbeits-Weg zu beschreiten, dann bringe ich die Energie und den Willen auf, das zu tun. Dann werden mich auch Rückschläge nicht demoralisieren. Können erlangen wir nur durch intensive Übung und kann keinem abgenommen werden. Ist dieser „Biss“ nicht vorhanden, nutzt – und hier benutze ich das Wort absichtlich – das Talent gar nichts!

Erinnern Sie sich an ein spezielles, besonders tolles Projekt, das Sie in den letzten Jahren an der Werkakademie Leipzig zusammen mit den Schülern realisierten?

Das war speziell in meinem praktischen Fachunterricht das „Henlein-Projekt“. Hier hatten die Auszubildenden der Fachrichtung Bühnenmaler/ Bühnenplastiker aller Lehrjahre für die Wandgestaltung einer Schule vom Brainstorming, über die Verteidigung der bildnerisch- handwerklichen Konzeption/ Umsetzung bis zur Anbringung in der betreffenden Schule in Eigenregie eine sehr anspruchsvolle Leistung im gesamten Team erbracht.

Gruppenbild zum Hähnlein-Projekt, eine praktische Arbeit der Bühnenmaler und Bühnenplastiker der Werkakademie Leipzig
Gruppenbild zum Henlein-Projekt, eine praktische Arbeit der Bühnenmaler und Bühnenplastiker der Werkakademie Leipzig