Julia Butz arbeitet seit Dezember 2014 als Dozentin und Schulleiterin bei der Augsburger Lehmbaugesellschaft in Leipzig. Ihr großes Interesse an der Heilerziehungspflege begann während ihres Studiums der Sozialpädagogik (Dipl.). Durch zahlreiche Praktika in Wohnstätten, Beratungsstellen und Begegnungsstätten kam sie dort immer wieder mit Menschen mit seelischen Behinderungen in Berührung.

Nach dem Studium verschlug es sie zunächst in die Kinder- und Jugendhilfe, wo sie Jugendliche in einer Wohngruppe auf dem Weg in die Selbstständigkeit betreute. Später wurde sie Bezugsbetreuerin in einem Kinderheim. 2014 erfüllte sie sich einen großen Traum und ging nach Brasilien, um dort in den Favelas von Sao Paulo einen Kinder- und Jugendtreff ehrenamtlich zu unterstützen. Hier konnte sie den Kindern eine sinnvolle und kreative Freizeitgestaltung bieten.

Nach dem Auslandsaufenthalt zog sie zurück nach Leipzig und übernahm ihre Tätigkeit bei der Augsburger Lehmbaugesellschaft. Hier arbeitet sie als Dozentin für die Fachbereiche Pädagogik, Psychologie und Heilpädagogik. Derzeit unterrichtet sie acht Klassen in den verschiedensten Schulen (Ergotherapie, Fachoberschule, Sozialassistenz und Heilerziehungspflege).

Ihre Aufgaben in der Ausbildung zum Heilerziehungspfleger

Konkret bei den Heilerziehungspflegern lehrt sie das Fach LF 3 (Menschen mit Behinderung individuell begleiten und pflegen) was vor allem entwicklungspsychologische Themen beinhaltet. Hinzu kommt das Lernfeld 4 (Die Lebenswelt mit Menschen mit Behinderung strukturieren und mitgestalten), bei dem heilpädagogische Theorien und Ansätze auf aktuelle Lebensbereiche von Menschen mit Behinderung bezogen werden. Seit einem Jahr leitet sie die Fachschule Sozialwesen, Fachrichtung Heilerziehungspflege, wo sie viele organisatorische Aufgaben wie auch die gesamte Praktikums- und Prüfungsbetreuung übernimmt.

Ein weiteres Projekt, das sie derzeit verfolgt, ist die ehrenamtliche Tätigkeit im Ronald Mc Donalds Haus Leipzig. Dies ist ein zeitweiser Wohnort für Familien, deren Kinder über längere Zeit im Uniklinikum Leipzig medizinisch versorgt werden. 3-4-mal im Monat, immer donnerstags kocht sie mit weiteren Ehrenamtlichen für die Familien ein drei Gänge Menü, damit sie neben dem anstrengenden Klinikalltag Zeit zum Abschalten und Entspannen haben.  Besonders stolz ist sie, wenn sie den Eltern durch das leckere Essen ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zaubern konnte.

Im Interview sprachen wir mit Frau Butz über ihre Arbeit als Dozentin in der Fachrichtung Heilerziehungspflege und entlockten ihr Wissenswertes zur Ausbildung.

Frau Butz, was genau lernen die Schüler im Rahmen Ihres Unterrichts?

Die Schüler lernen bei mir eine pädagogische Grundhaltung aufzubauen und mit Hilfe fachlichen Wissens fundierte Entscheidungen in der Praxis zu treffen. Vor allem in der Entwicklungspsychologie und Lernpsychologie schauen wir uns genau an, woran Abweichungen und Verzögerungen bei Menschen mit Behinderung in der Entwicklung zu erkennen sind, aber auch was es heißt, gezielt ressourcenorientiert zu arbeiten.

Die Schüler erstellen selbstständig verschiedene Förder-, Bildungs- und Pflegeangebote sowie Handlungsstrategien, die auf die individuelle Situation des Betroffenen passen.  Diese werden dann in zahlreichen Praktika und lernfeldpraktischen Übungen erprobt und reflektiert. Die fachliche Reflexion einer Handlung hat für mich einen sehr hohen Stellenwert in der Heilerziehungspflege. Immer wieder starten wir Diskussionsrunden, einen aktiven Meinungsaustausch oder bearbeiten Fallsituationen, wo die Schüler ihr eigenes Handeln konstruktiv hinterfragen können.

Im Lernfeld 4 lernen die Schüler vor allem auf die individuellen Behinderungsformen einzugehen und die Bedeutung der Arbeit, Bildung, Freizeit und Familie zu beachten. Wir entwickeln gemeinsam verschiedene Strategien in verschiedener Lebenssituation, zum Beispiel in der Schulbetreuung, in der Förderung lebenspraktischer Fähigkeiten und der Arbeitsplatzanalyse. Außerdem beschäftigen wir uns intensiv mit aktuellen Themen wie Integration, Inklusion und der UN-Behindertenrechtskonvention.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an der Ausbildung zum Heilerziehungspfleger (HEP) bei der Augsburger Lehmbaugesellschaft?

Besonders macht unseren Ausbildungsweg, dass er schulgeldfrei ist, das heißt es werden keine monatlichen Beiträge oder Gebühren verlangt. Aber auch fachlich können wir mit unserer Zusatzqualifikation im Bereich der Traumatherapie auftrumpfen. Diese zwei Faktoren sind unsere derzeitigen Alleinstellungsmerkmale.

Aktuell bieten wir eine Zusatzqualifikation im Bereich Traumapädagogik an.  Hier gibt es einen theoretischen und einen praktischen Bezug. In den Theorieeinheiten gehen wir auf die pädagogischen und psychologischen Grundlagen des Traumas ein, betrachten unterschiedliche Entstehungsgeschichten und Bewältigungsstrategien. Besonders wollen wir auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingehen und die Besonderheit des Fluchttraumas herausfinden. Den Schülern möchte ich unterschiedliche Strategien vermitteln, um die Betroffenen zu unterstützen und sensibel mit der individuellen Traumavergangenheit umzugehen. Dafür bearbeiten die Schüler auch ihre eigene Vergangenheit, wofür es in Kleingruppen einen geschützten Rahmen gibt. Im Praxisunterricht ist geplant, einen Bezug zur Kunsttherapie als Möglichkeit der Bewältigung herzustellen. Diesen Teil übernimmt eine Kollegin, welche eine Zusatzausbildung in Kunsttherapie hat.

Welche Voraussetzungen müssen Schüler für den Beruf des Heilerziehungspflegers mitbringen?

Voraussetzung für den Ausbildungsbeginn ist die Vorausbildung zum Sozialassistenten. Den kann man mit Abitur schon innerhalb eines Jahres absolvieren. Ansonsten sollte man möglicherweise bereits mit Menschen mit Behinderung in Kontakt gekommen sein und offen und tolerant mit der „Andersartigkeit“ umgehen können.  Unsere HEPs waren immer schon ein eigener Menschenschlag. Sehr empathisch und ehrgeizig und immer im Versuch, das Beste für die Betroffenen herauszuholen.  Einige Schüler haben Freizeitassistenzen übernommen oder sich ehrenamtlich engagiert, was mich sehr beeindruckt hat.

Oftmals wird die HEP-Ausbildung mit der Erzieher-Ausbildung verglichen. Wie unterscheiden sich die beiden Ausbildungen?

Der Erzieher muss auf die gesamte Gruppe achten, der Heilerziehungspfleger dagegen achtet eher auf den einzelnen Menschen: Wie kann ich diesen Menschen fördern? Erzieher erlernen den Blick auf das Kind und den Jugendlichen, für den HEP dagegen ist es wichtig, den Menschen mit Behinderung als vollwertigen Menschen zu sehen, der lediglich besondere Bedürfnisse hat.